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Zeit der Masken

Corona-Facetten aus dem KJSW

Rosenheim. „Ich bin ja schon länger in leitender Funktion tätig, aber an eine vergleichbare Situation kann ich mich überhaupt nicht erinnern“, seufzt Thomas Bacher, Gesamtleiter der Dienste und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung des KJSW in Rosenheim. Die Stadt und der Landkreis Rosenheim waren und sind ein Corona-Hotspot. „Angesichts dieser Tatsache haben wir bisher richtig Glück gehabt“, weiß Thomas Bacher.
Doch ganz ist das Virus nicht am KJSW vorübergangen. Fünf Bewohner*innen einer Außenwohngruppe waren positiv getestet. Mittlerweile sind wieder alle gesund. Im Emmy-Schuster-Haus gab es drei Betroffene, von denen einer Symptome in der Lunge hatte, aber Corona ließ sich nicht im Test nachweisen. Ein positiv getesteter Bewohner starb infolge von Komplikationen durch eine chronische Erkrankung, also nicht „an“ Corona, sondern „mit“ Corona.
Durch die Pandemie war bis Redaktionsschluss (25. Mai) weder hier noch bei einer weiteren verstorbenen Bewohnerin eine wirksame Abschiedsarbeit möglich, so wie sie in Rosenheim sonst üblich ist.

Bewohner*innen wollen arbeiten

Auch vier Mitarbeiter*innen waren positiv getestet. Drei waren allerdings nicht im Gruppendienst und konnten deshalb leichter für die Zeit der Quarantäne aus dem Dienst genommen werden. Sie sind mittlerweile alle wieder vollständig genesen. „Unsere Arbeit im Salzburger Weg ist bis auf unsere Quarantänegruppen so verlaufen, wie sonst auch, in den Betreuten Wohngruppen und im Emmy-Schuster-Haus waren sehr viele belastende Einzeldienste der Mitarbeiter*innen die Folge“, berichtet Thomas Bacher. „Die Bewohner*innen, die in einer Förderstätte oder Werkstatt tätig sind, leiden darunter, dass sie nicht arbeiten können. Deshalb freuen sich alle, dass die Rückkehr sukzessive möglich ist, wenn die Arbeit auch wegen der Abstände anders verlaufen wird.“

Deshalb werden in naher Zukunft dann auch Gruppen ganztags in Räumen des Wohnheims arbeiten, was bisher nur stundenweise möglich ist. Zwischenzeitlich mussten alle Werkstattmitarbeiter*innen und Förderstättenbesucher*innen tagsüber in den Gruppen bleiben. Hier waren die Mitarbeiter*innen sehr gefragt um keinen „Lagerkoller“ aufkommen zu lassen. Möglich wurde das durch die Integration der Mitarbeiter aus den Nachtdiensten in die Tagschichten und das Anheuern von Zeitarbeiter*innen für die Nachtschichten.

Masken nähen und Stationen bauen

Vaterstetten. Szenenwechsel ins Haus Maria Linden. Hier leben 100 Bewohner*innen mit seelischer und/oder geistiger Behinderung, 30 Plätze davon in Außenwohngruppen. „Wir haben bisher Glück im Zusammenhang mit Corona gehabt“, sagt Michael Liebmann. Der Leiter des HML ist glücklich, weil die Bewohner*innen bisher von einer Infektion verschont geblieben sind. Allerdings ist eine Mitarbeiterin erkrankt und bis Redaktionsschluss noch nicht wieder ganz genesen. „Das ist tragisch, denn die Mitarbeiterin vermutet, dass sie sich überhaupt erst angesteckt hat, als sie in einer Reihe mit möglicherweise erkrankten Menschen auf ihre Testung gewartet hat. Aber das lässt sich im Nachhinein nicht beweisen“, erklärt Michael Liebmann. Weitere Kolleg*innen und Bewohner*innen seien nicht betroffen gewesen.

Im Haus Maria Linden haben bis Redaktionsschluss keine gruppenübergreifenden Veranstaltungen im mehr stattgefunden. Die Wohngruppen werden getrennt voneinander versorgt und begleitet. COVID 19 beeinflusst die Arbeit im HML stark. „Wir haben zum Beispiel unseren normalen Konferenzraum in eine Nähstube für Masken umgewandelt. Unsere Meetings halten wir im großen Foyer im Abstand von zwei Metern voneinander ein“, schildert Michael Liebmann eine der aktuellen Veränderungen. Im Haus Maria Linden wurde auf Wunsch des Landratsamts auch eine Isolierstation eingerichtet, damit für den Fall eines Ausbruchs Zimmer für Erkrankte zur Verfügung stehen. Am 25. Mai fand in der Kapelle ein Gottesdienst statt, der mit strengen Hygiene- und Schutzmaßnahmen abgehalten wurde. „So konnten wir uns wenigstens von vier Bewohnerinnen und zwei ehemaligen Mitarbeitern verabschieden, die in den letzten Monaten gestorben sind, ganz ohne Corona“, sagt Michael Liebmann.

Beratung per Telefon, Video und im Park

München. Wie kann man ambulant in der Erziehungshilfe arbeiten, wenn man nicht mehr zu den Klient*innen in die Wohnung darf? Bei den Ambulanten Erziehungshilfen (AEH) in München-Moosach hat man sich dazu einiges einfallen lassen, wie Dienststellenleiter Erich Mehlsteibl berichtet. „Am Anfang haben wir vor allem viel telefoniert. Manche Familie haben wir jeden Tag angerufen“, erklärt der Sozialpädagoge. Später sei man dann, wo immer möglich, auf Videochats umgestiegen. Zur Wahrung des Datenschutzes wurde keine bekannte Plattform wie Skype verwendet, sondern das kostenlose Mediziner-Programm von Red Medical. „Kontakt per Video ist insofern besser, weil man dann auch die Kinder sieht und mitbekommt, wie es ihnen geht.“ In Einzelfällen wurde unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln auch in den Räumen der AEH beraten.

Seit dem 27. April treffen sich die Sozialarbeiter*innen wieder mit einzelnen Familienmitgliedern im Freien, etwa in Parks oder Grünanlagen. „Das ist ein wichtiger Schritt“, weiß der Sozialpädagoge. „Manche haben sich aus Angst vor Corona überhaupt nicht mehr aus ihren Wohnungen herausgetraut.“ Die Stimmung war in den meist beengten Räumen nicht gut. Vor allem die Väter waren gereizt, wenn sie gerade in die Arbeitslosigkeit oder die Kurzarbeit geschickt wurden. „Deshalb ist es wichtig, immer wieder nach dem Rechten zu sehen.“ Ein Gutes kann Erich Mehlsteibl für die Arbeit der AEH sehen: Durch die besonderen Umstände sei es nicht so schwer, mit der ganzen Familien Termine zu finden. „Sonst haben wir oft das Problem, dass wir kaum Kontakte oder gemeinsame Treffen vereinbaren können.“

Systemrelevant oder nicht?

Zufrieden ist Mehlsteibl damit, dass die AEH von Anfang an als quasi systemrelevant eingeschätzt wurde (#häusliche Gewalt). „Kurzarbeit ist für uns zum Glück kein Thema, anders als in der KistE“, betont er. Denn die Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Hasenbergl, die er ebenfalls leitet, ist sofort nach Start der Ausgangsbeschränkungen geschlossen worden. Bis zum Redaktionsschluss (25. Mai) gibt es dort erst beschränkte Einzelangebote von 12 Stunden Dauer pro Woche im Außenbereich. Außerdem gibt es das KistE-Radio, das dreimal pro Woche sendet und bisher von 90 Abonnenten gehört wird. „Uns ist wichtig, dass die Jugendlichen wiederkommen können und nicht nur vereinzelt daheim auf dem Sofa sitzen. Hier finden sie jemanden zum Reden“, betont Mehlsteibl. Trotzdem gilt die Freizeitstätte KistE nicht als systemrelevant. Das bedeutet für die Mitarbeiter*innen seit 1. Mai zu 70 Prozent Kurzarbeit. Mehlsteibl ärgert sich darüber, dass für die Offene Kinder- und Jugendarbeit dieselben Regelungen gelten wie für Saunen, Thermen und Bordelle. „Da haben die Entscheider*innen etwas nicht verstanden!“

Kultur im Jugendwohnheim

Ein hochklassiges Konzert gab es dieser Tage im Jugendwohn- und Gästehaus München Süd. Gregor Arnsberg und Dimitry Romano spielten am Flügel im Speisesaal Werke von Bach, Beethoven und Chopin. Die Fenster waren dabei weit geöffnet, denn draußen saßen mit Sicherheitsabstand die Gäste der Aufführung. „Wir wollen gerade jetzt unseren verbliebenen Bewohner*innen Kultur bieten, damit sie ein Gemeinschaftserlebnis haben können“, erklärt Thomas Frank, der Leiter des Jugendwohn- und Gästehauses München-Süd. Die Veranstaltung kommt gut an. Es gibt Pläne für ein weiteres Konzert im Sommer, dann in einem größeren Rahmen.

Die Wohnheime des KJSW gehören zu den Einrichtungen, die von der Corona-Pandemie am stärksten betroffen sind. In München-Süd, wo normalerweise rund 200 Personen untergebracht werden können, leben derzeit nur knapp 30 Bewohner*innen. Nationale und internationale Partnerorganisationen, die sonst viele Plätze für junge Leute in Ausbildungsprogrammen buchen, haben ihre Buchungen storniert, da die Grenzen geschlossen sind und bis gerade eben auch kein Unterricht stattfinden konnte. Dieser Einbruch auf der Einnahmeseite hat in den Jugendwohnheimen zu Kurzarbeit geführt – zum ersten Mal in der 135-jährigen Geschichte des KJSW. Dennoch setzen sich alle Mitarbeiter*innen dafür ein, dass sich die anwesenden Bewohner*innen wohl fühlen.

Von Kurzarbeit sind auch die Jugendwohnheime München-Nord sowie Landshut mit Deggendorf betroffen, weil nur noch wenige Bewohner mehr vor Ort sein dürfen. Deshalb haben sich unter dem Dach des Landescaritasverbands Betreiber von Jugendwohnheimen wie das KJSW mit einem Brief an Ministerpräsident Markus Söder gewandt. Sie fordern einen Defizitausgleich für Einrichtungen des Jugendwohnens für Blockschüler aufgrund der Corona-Pandemie.
Die Mitarbeiter*innen der Jugendwohnheime hoffen vor allem darauf, dass bald wieder mehr junge Gäste kommen dürfen. In der Zwischenzeit sind sie engagiert dabei, den verbliebenen Bewohner*innen eine gute Zeit zu ermöglichen.

KJSW zahlt freiwillig höheres Kurzarbeitergeld

Ortswechsel in die KJSW-Geschäftsstelle. „Wir tun unser Bestes, um den Betrieb am Laufen zu halten“, sagt Leiterin Petra Naßl. Bei Rechnungen, die bezahlt werden müssen, achten sie und ihr Team darauf, dass sie zügig überwiesen werden. „Heute freut sich jeder, wenn er nicht auf sein Geld warten muss.“ Auch die Gehaltszahlungen laufen natürlich regulär weiter. Wer als Mitarbeiter*in des KJSW Kurzarbeitergeld beziehen muss, hat sicher schon festgestellt, dass es höher ist, als die gesetzlich vorgeschriebenen 60 beziehungsweise 67 Prozent (bei Familien). „Das KJSW überweist von Anfang an freiwillig 80 Prozent und 87 Prozent“, erklärt Petra Naßl. Sie klingt hörbar froh darüber, dass sich das KJSW auch für die eigenen Mitarbeiter*innen engagiert. (GR)

 

 

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